„Kann ich wissen, dass ich in einer wirklichen Welt lebe?“

– Jim Carry als Truman Burbank in „The Trumanshow“ –

„Ein Esel steht zwischen zwei gleich großen und gleich weit entfernten Heuhaufen. Er verhungert schließlich, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen er zuerst fressen soll.“ (Buridans Esel) Du fragst Dich, ob der Esel wirklich verhungern würde? Dies ist eine berechtigte Frage und auch eine von vielen Philosophen formulierte Kritik an diesem philosophischen Gleichnis, aber unabhängig davon, zeigt es uns in seiner ganzen Deutlichkeit, was geschieht, wenn man sich einer Entscheidung verweigert.

Vorerst macht es die Philosophie einem nicht leichter Entscheidungen zu treffen, sondern führt eher zu einer (positiven) Verunsicherung des Einzelnen. Denn das aus einem Wundern, Staunen und Zweifeln hervorgehende philosophisch motivierte Fragen ist eines ihrer Kernanliegen und gleichzeitig Ausganspunkt jeden Philosophierens. Es ist die Auflösung der Hinnahme der scheinbaren Sicherheit des Alltäglichen, also das Misstrauen gegenüber der „vorherrschenden Meinung“ und das kritische hinterfragen eben dieser.

Daraus resultieren uferlose sich uns aufdrängende Probleme respektive Fragen, die auf dem ersten Blick nur zu Verwirrung und Desorientierung zu führen scheinen. Jedoch ist dieses „Chaos“ in den Fragen selbst begründet, wohingegen es das genuine Anliegen der Philosophie ist, Ordnung zu schaffen. So hat bereits Immanuel Kant eine grundlegende Einteilung der philosophischen Fragen vorgenommen, um diesem Wust an Fragen eine Systematik zu verleihen, die bis heute Bestand hat und auch für den Philosophieunterricht an der GSW leitend ist:

Was kann ich wissen?

lautet die erste der vier Generalfragen. Bei dieser Frage geht es grundlegend um die Möglichkeit von Wissen und nicht um Fachwissen, das man sich aneignen oder bei Wikipedia nachlesen kann.

  • Ist sichere Erkenntnis überhaupt möglich?
  • Gibt es Grenzen unseres Erkenntnisvermögens?
  • Ist unser Wissen verallgemeinerbar? Wenn ja: nach welchen Regeln?

Mit solchen Fragen beschäftigen sich die Erkenntnistheorie und die Wissenschaftstheorie, die Logik und die Sprachphilosophie.

Was soll ich tun?

lautet die zweite Frage Kants. Sie zielt nicht darauf, was du zum Beispiel an einem Sonntag in deiner freien Zeit machen sollst, sondern es geht um verbindliche, begründete Antworten auf ethische Fragen.

  • Was ist Glück?
  • Was ist gut?
  • Welchen Kriterien sollen unser Handeln leiten?
  • Welche Normen sind verbindlich begründbar?
  • Ist der Mensch überhaupt frei – und also für sein Handeln verantwortlich?

Derartige Fragen sind Fragen der Ethik und, wenn es um das Zusammenleben in einer Gemeinschaft geht, auch die der Politischen Philosophie.

Was kann ich hoffen?
lautet die dritte Frage Kants. Es ist die Frage nach dem Sinn menschlichen Lebens. Diese Frage ist in ihrer Aktualität nicht zu unterschätzen, denn „Hat man sein warum des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem
wie.“ (F. Nietzsche)

Den Versuch, ein begründetes „Warum“ zu finden, unternimmt zum Beispiel die Religionsphilosophie.

Was ist der Mensch?
Die vierte Frage betrifft das Wesen des Menschen. Gleichzeitig ist sie die allumschließende Frage der Philosophie, da alle weiteren Grundfragen „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“ und „Was darf ich hoffen?“ in dieser wurzeln.

Sie ist die die philosophische Anthropologie leitende Frage.

Orientierung – sapere aude

Zur Beantwortung dieser vier Fragen und der diesen zugrundeliegenden, werden zunächst die Probleme selbst, als solche für den Menschen „dringliche“, erkannt und benannt. Durch (selbst-) kritische Reflexion, durch begriffliche und argumentative Klärung und Ausschärfung, und durch Kritik und Begründung wird dann versucht, auch unter Einbezug der philosophischen Tradition, Orientierung in der Sache und somit im eigenen Leben zu erreichen.

Im Zentrum dieser philosophischen Tätigkeit steht das von Immanuel Kant propagierte „sapere aude“ („Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“), das als eine der Grundsäulen des Philosophieunterrichts an der GSW betrachtet und im Unterricht gelebt wird. Dies legt ein Verständnis von Bildung zugrunde, das nicht auf die pure Wissensvermittlung abzielt, sondern vielmehr auf eines, das das selbstbestimmte Denken und die Persönlichkeitsförderung in den Vordergrund stellt, sodass keine Schülerin und kein Schüler wie Buridans Esel verhungern wird, sondern diese „sich selber bewusst für das entscheiden, worüber es sich nachzudenken lohnt und für das, was Sinn hat und was nicht. Sie entscheiden selber, was sie glauben.“ (D. F. Wallace)

Dementsprechend zielt Philosophie auf´s Ganze: sie bedeutet kritische Auseinandersetzung mit Grundlegendem, und Offenheit für das Wahre und Wesentliche, das sich vor unser aller Augen verbirgt.

 

Fächerangebot